Athens for Real, Bildstein | Glatz
Die „documenta“ ist die weltweit bedeutendste Reihe von Ausstellungen für zeitgenössische Kunst und findet alle fünf Jahre in Kassel, Deutschland, statt. Zum allerersten Mal in der Geschichte der „documenta“ erfolgt die Eröffnung nicht nur in Kassel, sondern auch an einem anderen Standort: in Athen! Das Programm wird sicher viele Werke renommierter Kunstschaffender in die Stadt bringen, die sich intensiv mit der Vergangenheit und der Gegenwart des Landes auseinandersetzen werden - zumindest für die dreimonatige Dauer der Ausstellung vom 8.4. bis zum 16.7.2017. Die Stadtverwaltung macht jeden Wunsch möglich, damit sich die Stadt im einzigartigen Schaufenster präsentieren kann, so liest man. Die internationale Kunstklientel wird an die Eröffnung strömen und kann danach, dank „Aegean Airlines“, mit Direktflügen zwischen Kassel und Athen hin und her fliegen.
Zwischen provokanter Kritik und Profitstreben oszilliert das dazu passende Projekt „Athens for Real“, des österreichisch-schweizerischen Künstlerduos Bildstein | Glatz das neben dem offiziellen Programm in der Galerie „Cheapart“ laufen wird. Die Künstler bespielen zu dem Anlass die Galerie am Exarchia Platz, dem Epizentrum der anarchistischen Szene, mit dem Betrieb einer kommerziellen Immobilienagentur. Das Künstlerduo eignet sich dafür die Strategien der Immobilienbranche an und wandelt die Galerie in ein funktionierendes Maklerbüro um. Als Zielgruppe sehen sie das Kunstpublikum vor, das in der Stadt weilt, dem sie Studios, Wohnungen und andere Anwesen zum Kauf anbieten werden. Dies ist durchaus nicht abwegig. Denn wer sich in den kulturellen Kreisen eines kaufkräftigen Landes wie etwa der Schweiz bewegt, der hört schnell von Kulturschaffenden, die einige Monate günstig in Athen verbracht haben. Einige tragen sich gar mit dem Gedanken, bei den billigen Preisen für Wohnungen, zuzuschlagen. Die berühmte Zweizimmerwohnung in Athen für 50000 Euro lässt manch einen träumen, während man sich New York, London kaum mehr oder selbst Berlin immer weniger leisten kann. Die Krise in Griechenland sorgt für 500000 leere Wohnungen und einen Rückgang der Preise um rund 50 Prozent.1 Hätte man bei der spanischen Immobilienkrise nie auch nur daran gedacht, bei einer Ferienwohnung im staubigen Nirgendwo zuzugreifen, ist es hier anders. Der Hauptstadt des Landes, das als Wiege der „abendländischen“ Kultur gilt, traut man zu, wieder auf die Beine zu kommen. Diese Stadt hat Geschichte und Charme, „arm aber sexy“, wie es ein Bürgermeister im fernen Berlin einmal zu sagen pflegte. Die Ironie ist, das sich in Griechenland ein mitteleuropäischer Kunstschaffender eventuell das erfüllen kann, was er sich im eigenen Land nie leisten könnte.
An den Immobilien zeigt sich die Krise exemplarisch. Deshalb hat das Künstlerduo Bildstein | Glatz dieses Thema ausgewählt. Die Künstler werden zu Dienstleistern und kreieren ein komplettes Marketing mit Slogan und Logo für ihr Angebot, das auf Flyern und Plakaten beworben wird. Dies bringen sie zum Kunden, indem sie sowohl in Athen, wie auch später in Kassel, präsent sein werden. Werden Käufer darauf eingehen... wer weiss? Den beiden geht es vielmehr darum, modellhaft Prozesse des Ausverkaufs und der Gentrifizierung, wie sie seit den Achtzigerjahren zwischen Kunst- und Designschaffen, Kunsthandel und Immobilienwirtschaft Hand in Hand gehen, zu hinterfragen. Auch wenn Athen (noch) keine „Trendlocation“ wie etwa Kreuzberg geworden ist, die mit allen Auswirkungen der „Aufwertung“ kämpft, bietet die Verknüpfung mit der „documenta“ die Möglichkeit, das der Kunst und den Kunstschaffenden zugeschriebene Potential für Veränderung und ihre Rolle zu reflektieren. Es stellt sich die Frage nach der Macht solcher Organisationen, die Ausstellungen organisieren und ihrer Wirkung vor Ort. Die „documenta“ selber ist heute, Stand 15ter Februar, im Stadtbild von Athen nur mit einer „geheimnisvollen“ schwarzen „14“ präsent.2 Sie agiert selber wie eine Marke, deren mysteriöses Zahlensymbol, ohne den Namen der Veranstaltung, als Versprechen funktioniert. Kraft ihrer Definitionsmacht als Kunstevent hält sie die meisten ihrer Projekte bis kurz vor der Eröffnung geheim. Wie kann so eine Zusammenarbeit funktionieren? Wie kann die „documenta“ so „von Athen lernen“, wie es der inofizielle Slogan in Aussicht stellt und was kommt zurück? Oder verkommt die Eröffnung zum Event im dichtgedrängten Frühsommerprogramm des Kunst-Aficionados, welches dieses Jahr neben der obligaten Art Basel, noch die Biennale und die Skulptur Projekte Münster als „must“ vorsieht?
Von der Streetart kommend, beschäftigen sich Bildstein | Glatz in Gemälden und grossformatigen Skulpturen, die oft an Skaterampen erinnern, mit der Bildsprache der Freizeit und Popkultur. Das Interesse der beiden liegt bei den Prozessen, die eine Kommerzialisierung von Subkulturen begleiten. Ihre Arbeit kreist etwa um die Frage: Wie wird das Freiheitsversprechen der Natur, wie der Körper, im Extremsport inszeniert? Dabei sind schon unterschiedlichste Firmen mit Logos sowie klingenden Namen, etwa „Bazz und Fizz“, entstanden oder fiktive Sponsoren für die gigantischen skulpturalen Rampen, die Bildstein | Glatz bauen. Diese sind, wie ihr Künstlername, der eigentlich einen Brand darstellt, inzwischen selber zu einem Markenzeichen geworden. Mit „Athens for Real“ erweitern die Künstler das Portfolio um eine weitere Marke und stossen in ein neues Feld vor. Indem sie, im Sinne der „Appropriation“, die Strategien, die Bildsprache und die Arbeitsweise der Immobilienbranche nutzen, untersuchen sie eine besondere Rolle von Kunst, die im Kunstbetrieb gerne etwas unter den Teppich gekehrt wird.
Bildstein | Glatz: „Athens for Real“
Mit der Unterstützung der Österreichische Botschaft Athen
CHEAPART nimmmt mit der Istallation "Athens for Real" in dem "Gallery Walk 2017" teil, veranstaltet von Verein Griechischen Galerien (ΠΣΑΤ) und produziert von Be Best der Internationalen Artfair "Art Athina".
Ausstellungseröffnung: 4. April, 2017 19:00
Dauer: 4. April – 4. Mai 2017
Mittwoch: Freitag, 18:00 – 21:00, Samstag 13:00 – 16:00
CHEAPART
A. Metaxa 25, 10681 Athen









